ISO/FDIS 2768: Warum die undatierte Anwendung für bestehende Zeichnungen kritisch ist
Die neue ISO 2768 ändert nicht primär die Toleranzwerte, sondern den Anwendungsbereich. Für bestehende Zeichnungen mit undatiertem Verweis entsteht damit ein Interpretationsrisiko.
Ich durfte am Appeal der SNV zur ISO/FDIS 2768 mitarbeiten. Danke an alle Beteiligten und an die SNV für die konstruktive Zusammenarbeit und das grosse Engagement in diesem Thema.
Durch meine Mitarbeit im Swissmem NK 1 bin ich nahe an den ISO-GPS-Themen dran. Gleichzeitig erlebe ich in der Praxis täglich, welche Auswirkungen solche Änderungen für Industrieunternehmen haben können.
Kritisch ist, dass die neue Fassung als Nachfolgerin der bisherigen ISO 2768 eingeführt werden soll. Bei undatierten Zeichnungsangaben ist genau das das Problem.
Ausgangslage
In der Industrie existieren unzählige Zeichnungen, auf denen lediglich «ISO 2768-m» steht. Oft ohne Ausgabedatum, ohne klare Einschränkung und ohne zusätzliche Spezifikation.
In der bisherigen Praxis wurden solche Angaben sehr breit verstanden. Allgemeintoleranzen nach ISO 2768 wurden auf viele Masse angewendet, die in der Zeichnung nicht einzeln toleriert waren.
Das war nicht immer perfekt im Sinne der heutigen ISO-GPS-Systematik, aber es war in der industriellen Praxis etabliert, verstanden und über Jahrzehnte angewendet.
Bisherige Praxis
Mit der geplanten neuen ISO 2768 ändert sich nicht primär der Zahlenwert der Toleranzen. Das ist wichtig zu verstehen. Was sich ändert, ist der Anwendungsbereich.
Die neue ISO 2768 gilt nur noch für lineare und Winkelgrössenmasse im Sinne der ISO-GPS-Systematik. Viele Angaben, die bisher in der Praxis über ISO 2768 mitverstanden wurden, wären damit nicht mehr automatisch abgedeckt. Das betrifft zum Beispiel:
- Lochabstände
- Stufenmasse
- Radien und Fasen
- gebrochene Kanten
- gewisse geometrisch relevante Angaben, die bisher oft pragmatisch über ISO 2768 behandelt wurden
Für neue Zeichnungen kann man das sauber lösen. Man kann ISO-GPS korrekt anwenden, Spezifikationen eindeutig setzen und die passenden Normen gezielt referenzieren. Bei bestehenden Zeichnungen ist das aber eine ganz andere Situation.
Mögliche Auswirkung
Wenn eine bestehende Zeichnung nur undatiert auf ISO 2768 verweist, entsteht mit einer neuen Ausgabe ein erhebliches Interpretationsrisiko. Was gestern in der Lieferkette noch als toleriert verstanden wurde, kann morgen plötzlich als nicht mehr spezifiziert gelten.
Das führt nicht zu besseren Produkten, sondern sehr wahrscheinlich zu mehr Rückfragen, mehr internen Abklärungen, mehr Diskussionen zwischen Entwicklung, Einkauf, Lieferant, Fertigung und Qualitätssicherung. Und am Ende zu Kosten, die keinen direkten Kundennutzen erzeugen.
Gerade in der Schweizer Industrie ist bereits heute eine grosse Unsicherheit in der Anwendung von ISO-GPS spürbar. Viele Unternehmen sind mitten in der Transformation von alten Zeichnungslogiken hin zu einer sauberen ISO-GPS-Anwendung. Eine ISO 2768:2026 als direkter Nachfolger der bisherigen ISO 2768 würde diese Unsicherheit meiner Meinung nach deutlich vergrössern.
Mein Standpunkt
Diese Fassung sollte nicht unter derselben Normnummer als direkter Nachfolger der bisherigen ISO 2768 eingeführt werden.
Eine neue Nummer, eine klare Übergangsregelung oder ein anderer Mechanismus zur sicheren Behandlung bestehender Zeichnungen wäre aus meiner Sicht wesentlich besser für die industrielle Praxis.
Jetzt bleibt abzuwarten, wie es weitergeht. Wir haben als Schweizer Gremium nun wohl das Letzte getan, was auf diesem Weg noch möglich war.