Referenztemperatur 20 °C: Warum jedes Zeichnungsmass eine Temperatur hat
Zwei Messungen, zwei Resultate — beide richtig
In der Fertigung gemessen liegt das Mass in der Toleranz, im Wareneingang des Kunden liegt es draussen. Beide Messmittel sind kalibriert, beide Messungen sind sorgfältig ausgeführt. Die häufigste Erklärung ist keine Messabweichung, sondern Physik: Die Bauteile hatten beim Messen nicht dieselbe Temperatur.
Darum legt ISO 1 eine Referenztemperatur fest: Jedes Mass und jede geometrische Eigenschaft auf einer technischen Zeichnung gilt bei genau 20 °C (293,15 K). Die Festlegung geht auf einen internationalen Beschluss von 1931 zurück und gilt weltweit — unabhängig von Branche, Werkstoff und Messverfahren.
Ein Messresultat ist nur dann direkt mit der Zeichnung vergleichbar, wenn das Bauteil beim Messen 20 °C hat — oder die Abweichung bekannt ist und kompensiert wird.
Wie stark sich Werkstoffe ausdehnen
Für die Praxis genügt der lineare Ansatz: ΔL = L · α · ΔT. Die Länge L, der Temperaturunterschied ΔT zur Referenztemperatur und der Ausdehnungskoeffizient α des Werkstoffs bestimmen die Längenänderung.
| Werkstoff | α in µm/(m·K) | auf 100 mm bei +5 °C |
|---|---|---|
| Invar (FeNi36) | 1.2 | 0.6 µm |
| Grauguss | 10 | 5.0 µm |
| Stahl, unlegiert | 11.5 | 5.8 µm |
| Rostfreier Stahl (austenitisch) | 16 | 8.0 µm |
| Messing | 19 | 9.5 µm |
| Aluminium-Legierungen | 23 | 11.5 µm |
| POM (Kunststoff) | 110 | 55 µm |
Die Werte sind Richtwerte — je nach Legierung und Charge streut α spürbar. Auffällig: Kunststoffe liegen eine Grössenordnung über Stahl, und selbst innerhalb der Metalle unterscheidet sich die Ausdehnung um den Faktor zwanzig.
Ein Rechenbeispiel
Ein Aluminium-Gehäuse mit 400 mm Länge wird in der Fertigungshalle bei 28 °C gemessen: 0.4 m · 23 µm/(m·K) · 8 K ≈ 74 µm. Das Bauteil ist beim Messen also rund 0.07 mm länger, als es bei 20 °C wäre. Bei einer Toleranz von ±0.05 mm entscheidet allein die Temperatur über gut oder Ausschuss — eine Scheinabweichung: Das Bauteil ist in Ordnung, die Messbedingung war es nicht.
Dasselbe Bauteil aus Stahl dehnt sich unter gleichen Bedingungen um rund 37 µm — weniger, aber bei enger Toleranz ebenfalls entscheidend.
Faustregel für Stahl: rund 1 µm pro 100 mm Länge und Kelvin. Aluminium: das Doppelte.
Akklimatisieren — die einfachste Gegenmassnahme
Wer die Ausdehnung nicht rechnen will, lässt sie verschwinden: Bauteile vor der Messung auf 20 °C bringen.
- Bauteile im Messraum temperieren — je nach Masse und Wandstärke einige Stunden bis über Nacht.
- Handkontakt kurz halten: Hautkontakt erwärmt dünnwandige Teile lokal um mehrere Kelvin.
- Sonneneinstrahlung, Heizkörper und Maschinenabwärme vom Lager- und Messplatz fernhalten.
- Auch Messmittel akklimatisieren — Endmasse, Lehren und Messschrauben reagieren gleich wie das Bauteil.
Grosse und dickwandige Teile brauchen deutlich länger, als man erwartet — der Kern hinkt der Oberfläche hinterher.
Temperaturkompensation — und ihre Grenzen
Moderne Koordinatenmessgeräte kompensieren die Temperatur: Sensoren erfassen Massstäbe und Werkstück, die Software rechnet das Resultat auf 20 °C zurück. Das funktioniert gut, hat aber zwei Voraussetzungen: α muss für den Werkstoff stimmen, und das Bauteil muss durchgehend dieselbe Temperatur haben.
Genau dort liegen die Grenzen. Tabellenwerte für α streuen je nach Legierung und Charge, und ein Bauteil frisch aus der Fertigung ist innen wärmer als aussen. Die Kompensation verkleinert die Abweichung deutlich — was übrig bleibt, gehört in die Messunsicherheit. Bei engen Toleranzen ersetzt sie weder die Akklimatisierung noch den klimatisierten Messraum.
Was das für die Qualitätssicherung bedeutet
- Wareneingang: Frisch angelieferte Teile sind selten bei 20 °C. Bei engen Toleranzen zuerst akklimatisieren, dann prüfen.
- Grenzfälle: Liegt ein Mass knapp an der Toleranzgrenze, entscheidet die Temperatur mit — Konformität nicht am warmen Teil beurteilen.
- Streitfall: Kommen Lieferant und Kunde zu verschiedenen Resultaten, schafft eine Messung bei Referenzbedingungen die gemeinsame Basis — als neutrale Schiedsmessung.
In unserem Messraum liegt die mittlere Raumtemperatur bei 20.3 °C, die Temperaturänderung unter 0.3 K pro Stunde — Bauteile werden vor der Messung temperiert. Zum Prüflabor mit allen Umgebungsbedingungen →
Quellen
VDI/VDE 2627 Blatt 1 — Messräume — Klassifizierung und Kenngrössen